Im Heiligtum der Bücher
|
|
Schwerin. (OZ) Eine schick renovierte Offiziersvilla auf dem Kasernengelände hinter dem Schweriner Schloss. Und ein klotziger Anbau aus Glas und Stahl. Die neue Landesbibliothek in Schwerin. Erbaut für sieben Millionen Euro. Neu eröffnet. Auf 3.900 Quadratmetern lagern über 650.000 Bücher, Zeitschriften, Noten. Das kulturelle Gedächtnis von MV. "Wir sind dabei, uns einzurichten", sagt Bibliotheksdirektor Rolf-Jürgen Wegener (62). Mitarbeiter schieben Bücher auf kleinen Wagen durch Säle, sortieren sie in Regale. In Wegeners Büro lehnt an der Wand ein Gemälde des jungen Friedrich Lisch (1801 - 1883), dem berühmten Amtsvorgänger zu Zeiten der Herzöge. "Ein Genie, der Humboldt Mecklenburgs", kommentiert der Direktor. Das Bild ist nicht aufgehängt, die Bücher gehen jetzt vor. 28.000 Bände sind es in der Freihandbibliothek. Rund 70 Besucher täglich zählt Ann-Kristin Kutscher (24) von der Leih-Theke. Horst Kaminski (64) will sich informieren. "Über kreatives Schreiben", sagt er. Seine Frau möchte etwas zu Papier bringen. Worüber? "Geheim." Auf der anderen Seite des Tresens gibt es keine Geheimnisse, aber Vorsicht. Geschützt vor dem Zugriff stehen im "Rara-Magazin" die wertvollsten Werke. "Rara, von Rarum", übersetzt Wegener, "lateinisch für das Seltene." Die Schriften-Schatzkammer des Landes, das Heiligtum der Bücher. Wegener steckt den Schlüssel ins Türschloss, drückt einen Geheimcode am Sicherungssystem. Die Tür geht auf. Ein Vorflur. Da stehen sie: In Schweinsleder gebundene Folianten. Gedruckte Inkunabeln. Handgeschriebene Werke auf Pergament. Wer sie aufschlägt, atmet die Jahrhunderte. Wegener nimmt ein dickes Buch. Das "Missale Sverinense" von 1479. "Ein lateinisches Handbuch für die Gestaltung der Messe", erklärt der Bibliotheks-Chef. "Gedruckt in der Werkstatt der Rostocker Michaelis-Brüder." Der Laienorden brachte die Buchdruckerkunst nach Mecklenburg. Einige der Pergament-Seiten sind mit farbigen Lederknoten gekennzeichnet. So konnte der Pastor schnell die richtige Stelle aufschlagen. Das wertvollste Stück ist die Nikolaus Marschalks "Reimchronik" aus dem Jahr 1514. Handgeschrieben mit teils vergoldeten Miniaturen. Eine Darstellung der Geschichte des Herrscherhauses. In der fabelhaften Genealogie leitet die Herzogsfamilie sich von Anthyrius, berühmter Krieger Alexanders des Großen, ab. Der habe ein menschenfressendes Pferd mit Stierkopf geritten, von dem sich das mecklenburgische Wappen ableiten soll. Älteste Schrift ist das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Zwölf handgeschriebene Pergamente von 1170. Wegener: "Die liegen im Tresor." Da Erbgroßherzogin Auguste eine Schwäche für Friedrich Hölderlin hatte, sind Originalhandschriften des Dichters erhalten. Darunter Geburtstagsreime, die er 1799 für die damalige Prinzessin verfasste. Auch das Notenarchiv ist sehenswert: Abschriften der Opern Friedrich von Flotows und anderer Komponisten. "Sogar eine verschollen geglaubte Original-Partitur Vivaldis wurde entdeckt."
Die multimedial vernetzte Landesbibliothek bestellt für ihre Nutzer Bücher aus aller Welt. Die Gebühr für eine Fernleihe beträgt 1,50 Euro, wer sich Bücher nach hause schicken lässt, zahlt acht Euro. Von nicht für den Verleih vorgesehenen Büchern ist auf Wunsch meist eine CD erstellbar. Die Landesbibliothek befindet sich in der Johannes-Stelling-Straße 29, 19053 Schwerin. Öffnungszeiten: Mo, Die, Mi, Fr 10.00 - 19.00 Uhr / Do 13.00 - 19.00 Uhr / Sa 10.00 - 13.00 Uhr Rara / Musikalien: Mo, Die, Mi, Fr 10.00 - 16.00 Uhr / Do 13.00 - 19.00 Uhr Telefon: 0385 / 55 84 4-0 Telefax: 0385 / 55 84 4-24 E-Mail: lb@lbmv.de Internet: www.lbmv.de |