Kenntnisreicher Gelehrter und liebenswürdiger Mensch

Der Geheime Regierungsrat Dr. Carl Schröder schuf die Grundlagen der heutigen Landesbibliothek
(Mecklenburg-Magazin, 20.08.2004)

Grete Grewolls

In diesem Jahr besteht die Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin 225 Jahre. Das Jubiläum ist Anlass für die Mitarbeiter, sich mit der Geschichte der Bibliothek und mit den Personen, die hier gewirkt haben, zu beschäftigen.

Im Eingangsbereich der Landesbibliothek hängt seit vielen Jahren ein 1917 von Bertha Schmieth gemaltes Porträt. Es zeigt den Philologen und Regierungsbibliothekar Carl Schröder. Mit seinem langjährigen Wirken in der Großherzoglichen Regierungsbibliothek hatte er die Grundlagen dafür geschaffen, dass diese Bibliothek 1924 zur Landesbibliothek erhoben werden konnte.

Carl Gustav Theodor Schröder wurde am 15. September 1840 in Waren als Sohn des Pastors, Lehrers und späteren Oberschulrats Ferdinand Schröder (1812 - 1884) geboren. Nach dem Besuch des Schweriner Gymnasiums begann Carl Schröder, dem Wunsche des Vaters folgend, ein Studium der Rechtswissenschaften in Jena, wandte sich aber seinen Neigungen entsprechend ab 1860 an der Münchner Universität dem Studium der deutschen und romantischen Philologie zu. Seine Doktorwürde erlangte er 1864 bei Karl Bartsch an der Rostocker Universität mit seiner Abhandlung über die höfische Dorfpoesie des Mittelalters. Bereits 1865 erschien sein erstes Buch, die Bearbeitung des "Helmbrecht: die älteste deutsche Dorfgeschichte" von Wernher dem Gärtner.

Prinzenerzieher und Forscher

Schröders Leben veränderte sich, als ihn der Großherzog Friedrich Franz II. 1865 zum Prinzenerzieher und Reisebegleiter des Erbgroßherzogs berief. Während seiner dreijährigen Erziehertätigkeit begleitete er den Prinzen nach Südfrankreich und an das Dresdener Vitzthumsche Gymnasium.

Doch schon 1868 widmete Schröder sich wieder seiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit. Im Auftrage der Historischen Kommission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften in München wurde ihm die Bearbeitung der Städtechroniken von Erlangen, Köln und Wien übertragen.

1874 folgte der 34-jährige Wissenschaftler der Einladung des Erbgroßherzogs Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, ihn auf einer Reise ins Morgenland zu begleiten. Diese mehrmonatige Reise von Paris nach Algerien, Sizilien, Ägypten, Sinai, Jerusalem, Damaskus, Athen und Konstantinopel schildert Schröder nach seinen Tagebuchaufzeichnungen in dem 1897 erschienenen "Gedenkblatt auf Friedrich Franz III.".

Auf Friedrich Franz muss sein Lehrer sehr einflussreich gewirkt haben, denn er blieb bis an sein Lebensende in vertraulichem Briefkontakt mit ihm. Im Nachlass Schröders in der Landesbibliothek befinden sich neben Dokumenten zu seiner Frankreich-Reise und zur Orient-Reise, dem Briefwechsel mit Johann Jacob Engel u.a. auch Briefe des Großherzogs.

Aufbau der Bibliothek

1882 schrieb der damalige Erbgroßherzog an seinen einstigen Lehrer: "... es fällt mir oft schwer auf der Seele, daß ich bis jetzt für das leibliche und geistige Wohl des Mannes, von dem ich direct und indirect so viel gutes gelernt habe ... so wenig habe tun können. Ich möchte wissen, ob ich nicht in irgendeiner Weise meine Gefühle für Sie praktisch beweisen könnte." Als Schröder den Wunsch äußerte, die Leitung der neu zu ordnenden Regierungsbibliothek zu übernehmen, wurde er nach Mecklenburg zurückberufen.

Nach dem Brand des im Kreuzgang des Domes untergebrachten Realgymnasiums 1882 erfolgte der Ausbau zu Bibliotheksräumen. Der Umzug der Büchersammlung von etwa 60 000 Bänden aus dem Hornschen Haus in der Schlossstraße erfolgte im September 1886. Friedrich Franz III. hatte bereits vorher bestimmt, dass die in Ludwigslust aufgestellte Großherzogliche Büchersammlung der Regierungsbibliothek einverleibt werden soll. Er gab zahlreiche Werke aus seiner Privatbibliothek ab und überwies nach dem Tod der Großherzogin-Mutter 1892 deren gesamte Büchersammlung an die Regierungsbibliothek.

In der Vergangenheit waren die Büchersammlungen immer in Personalunion mit dem Geheimen und Hauptarchiv verwaltet worden. Carl Schröder war der erste hauptamtliche Regierungsbibliothekar und Leiter der Großherzoglichen Regierungsbibliothek Schwerin. In seiner 30-jährigen Tätigkeit bis zu seiner Pensionierung am 30. September 1914 hat Schröder diese Bibliothek nach allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichtet und verwaltet. Bis dahin gehörten zum Buchbestand vor allem Werke der Rechts-, Staats-, Sozialwissenschaften, Geschichte und Kulturgeschichte. Nun wurde Literatur aus allen Wissensgebieten erworben. Schriften aus den Naturwissenschaften ebenso wie Werke der klassischen Philologie und der modernen Literatur. Alles Mecklenburgische sollte gesammelt werden. Im Jahre 1891 war der Bestand auf 150 000 Bände angewachsen.

Öffentliche Einrichtung

Zugleich begann eine Umorganisierung der Bibliothek zu einer öffentlichen Einrichtung. Schröder legte einen alphabetischen Zettelkatalog an, erarbeitete eine Systematik für den Realkatalog, schrieb neue systematische Bandkataloge und nahm eine entsprechende systematische Aufstellung im Magazin vor. Ein niederdeutscher Katalog sollte gemeinsam mit dem Katalog der Bestände der Rostocker Universitätsbibliothek die Grundlage für ein vollständiges Verzeichnis der plattdeutschen Schriften Mecklenburgs werden. Mit der Unibibliothek Rostock wurde auch eine Vereinbarung über die "Fernausleihe" der Bestände beider Einrichtungen getroffen.

Der Wissenschaftler Carl Schröder nutzte die Schätze der Bibliothek natürlich auch für seine philologisch-literarischen Studien, vor allem zur mecklenburgischen Literaturgeschichte. Insbesondere beschäftigte Schröder sich mit der Geschichte der deutschen Dichtung, so mit der Bearbeitung älterer, meist niederdeutscher Literatur. Eine von Schröder bearbeitete Fassung des "Reinke de Vos" zum Beispiel erschien 1872 im zweiten Band der von Karl Bartsch herausgegebenen "Deutschen Dichtungen des Mittelalters". In dem vom Verein für niederdeutsche Sprachforschung herausgegebenen "Niederdeutschen Denkmälern" veröffentlichte Schröder 1893 seine Bearbeitung des "Redentiner Osterspiels". Ein Jahr zuvor war seine Bearbeitung von "Dat nye schip van Narragonien" in Schwerin erschienen.

Der Regierungsbibliothekar Carl Schröder war natürlich auch Mitglied des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde und an Vereinsabenden hielt er mehrfach Vorträge über literarische Persönlichkeiten Mecklenburgs. Im Jahrbuch des Vereins sind Aufsätze Schröders u.a. über "Die Anfänge des Buchdrucks in Schwerin" (1895), "Beiträge zur Erziehungs- und Jugendgeschichte des Großherzogs Friedrich Franz I." oder "Mecklenburg und die Kurwürde" (1915) nachzulesen.

Literaturforschungen

Von seiner Verbundenheit zum Großherzoglichen Haus zeugen u.a. das von ihm herausgegebene "Tagebuch des Erbprinzen Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin aus den Jahren 1811-13" (1900) und sein Porträt der „Caroline, Erbprinzessin von Mecklenburg-Schwerin, geb. Prinzessin von Sachsen-Weimar“ (1901). Schröders größte wissenschaftliche Verdienste liegen auf dem Gebiet der Erforschung der niederdeutschen Literatur und der mecklenburgischen schöngeistigen Literatur überhaupt. Seinem Vortrag über „Mecklenburgs Anteil an der deutschen Nationalliteratur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts“ (1894) folgt 1904 eine Gesamtdarstellung „Die neu-niederdeutsche Literatur in Mecklenburg“. Sein Hauptwerk, eine Literaturgeschichte Mecklenburgs mit dem Titel „Mecklenburg und die Mecklenburger in der schönen Literatur“, erschien 1909 als XI./XII. und damit letzter Teil der Reihe „Mecklenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen“.

Seine beabsichtigte Darstellung einer neueren mecklenburgischen Geschichte konnte er nicht mehr verwirklichen. Am 28. Juli 1916 verstarb Carl Schröder, der in einem Nachruf als kenntnisreicher Gelehrter, hilfsbereiter Bibliothekar und liebenswürdiger Mensch gewürdigt wird. Von seinem schaffensreichen Leben zeugen 18 Buchtitel und 32 Aufsätze in Zeitschriften, die in der Landesbibliothek MV aufbewahrt werden. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil.

zurück