Das konnte sie so nicht stehen lassen

Ein-Blick in die nun nicht mehr private Ballettbibliothek von Rosemarie Ehm-Schulz
(Mecklenburg-Magazin, 15.07.2005)

Das Staatliche Folklore-Ensemble, das seit 1961 in Neustrelitz seinen Sitz hatte, bereiste mit den schönen Inszenierungen seiner Leiterin Rosemarie Ehm-Schulz die ganze Welt. Diese brachte stets Bücher zum Thema Tanz von den Tourneen mit. Nun trennte sie sich von ihrer in Jahrzehnten gewachsenen stattlichen Sammlung. In der Musikabteilung der Landesbibliothek in Schwerin wird sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


Von Cornelia Nenz

"... ich möchte Ihnen nur sagen, dass ich selten von einem Volkstanz so begeistert war wie von dem "Stampftanz", ich weiß nicht mehr genau, ob er so heißt, den Sie im Friedrichstadt-Palast anlässlich des IV. Parteitages aufführten. Ich hätte Ihnen das gern auch persönlich gesagt und habe einige Versuche gemacht, nach Ihnen herumzutelefonieren. Ich würde mich freuen, wenn Sie einmal nach Berlin kämen und sich dann bei mir sehen ließen, damit ich Ihnen auch persönlich danken kann.
Mit den besten Grüßen für Sie und alle Mitwirkenden an dieser großartigen Sache. Ihr Dr. h.c. Johannes R. Becher"


Statt Souveniers Bücher

Der "Stampftanz" hieß in Wirklichkeit "Winteraustreiben" und war kein Volkstanz, sondern eine temperamentvolle Choreografie mit Mitteln der Folklore von der späteren Ballettdirektorin Rosemarie Ehm-Schulz.
Sie kam aus Weimar nach Berlin. Und der Minister für Kultur, Johannes R. Becher, veranlasste sie, nach Neetzow, Kreis Anklam, zu ziehen, um dort der Volkskunst eine Heimstatt zu schaffen.
Zu dieser Zeit war ich ein kleines Kind, und es geht die Sage, ich habe eines Tages dem Minister den Zutritt zu unserer Wohnung im Neetzower Schloss verwehrt, weil meine Mutti mittags schlafe.
Doch die Geschichte des Staatlichen Dorfensembles - kennt noch jemand das Wort "Hühnerballett"? - nahm ihren erfolgreichen Lauf.
Rosemarie Ehm-Schulz hat jahrzehntelang das Ballett geleitet, hat Tänze, Suiten, Folkloreballette geschrieben und einstudiert, ein Folklore-Exercise entwickelt, mit dem Generationen von Folkloretänzern geschult und wohl gelegentlich gequält wurden.
Das Staatliche Folklore-Ensemble, das 1961 nach Neustrelitz umzog, hat mit ihren schönen Inszenierungen die ganze Welt bereist, und die Tournee-Geschichten, die Rosemarie Ehm-Schulz heute noch pointiert zu erzählen weiß, sollten ein dickes Buch füllen. Das ist bisher ungeschrieben.
Aber andere Bücher sind da: Literatur, die über Jahrzehnte von ihr kenntnisreich zusammengetragen wurde. Keine Auslandstournee verging, ohne dass sie dort Antiquariate aufgesucht hatte, während wir anderen in der schmalen Freizeit die noch schmaleren Spesen in Kosmetika oder andere wertvolle Mitbringsel umsetzten.


"Im Lande bleiben"

Bei einer Gastspielreise entdeckte sie in einem Budapester Antiquariat drei hübsche Tanzbüchlein aus der Reihe des Rembrandt-Verlages. Der Ladeninhaber war nicht bereit, ihr die wertvollen Stücke zu verkaufen, sie sollten, meinte er "im Lande" bleiben. Doch in der Nähe lag noch ein anderes Werk, "Tanz der Völker" von Eberhard Rebling, Berlin 1972. Sie schlug es auf: "Sehen Sie, da schreibt Rebling über meine Choreografien, und hier, sehen Sie die Bilder!" Der Antiquar verkaufte ihr die drei Büchlein. Sogar einen Ballettliteratur-Vorlass aus Westdeutschland holte sie, Rentnerin schon, allein mit dem unsagbar schweren Koffer im Bahnhof Friedrichstraße bis zu der Linie, an der ihr Mann, der Intendant Heinz-Andreas Ehm, auf sie warten durfte.
Die Ballettbibliothek von Rosemarie Ehm-Schulz ist eine Sammlung von Standard-Werken, Periodika und Raritäten. Und sie ist auch ein Spiegel der Zeit. Da erinnert Max von Boehn (Der Tanz, Berlin 1925) daran, dass im Mittelalter ein Prediger sich ereiferte gegen jene "Klötz, die tanzen also säuisch und unflätig, daß sie die Weiber dermaßen [...] in die Höhe werfen, daß man ihnen hinten und vornen hinaufsiehet bis in die Weich [...]" und glossiert an anderer Stelle die deutschen Sport- und Militärfanatiker, die im 19. Jahrhundert merkten, "daß wir am Ende auch mehr brauchten als Exerzieren, Stechschritt und Parademarsch, und dass es nicht genug sei mit der Welle und dem Riesenschwung. Und die Frau? Sollte Klavierspiel wirklich die einzige Muskelübung sein, die ihr gestattet war?"
Eine Jugendstil-Broschüre "Der Tanz" von Dr. Karl Storck, 1903, erzählt von der Kulturgeschichte des Tanzes, von Reigentänzen, von religiösen und weltlichen Tänzen, bringt schöne Tanzdarstellungen auf Gemälden, auf Häuserwänden. Wer kennt nicht das "Tanzende Bauernpaar" von Albrecht Dürer?


Gegensätzliche Sichten

Zur Fassadenmalerei des Hauses "Zum Tanz" in Basel schreibt der Autor, sich der Tanztradition der Städte zuwendend, dass man das "kräftige Bürger- und Handwerkerblut doch nicht zu verleugnen" vermochte, "und während man in Sälen und Zimmern in ruhiger Haltung und gemessenen Bewegungen tanzte, bestand der Reigen im Freien aus so lebhaften Sprüngen, daß man nach den Berichten der Zeitgenossen dabei Gefahr lief, Hut und Rock zu verlieren. Von der Gewohnheit, Ball-, Kugel- und andere Spiele in die Tänze einzumischen, erhielten die größeren Tanzfestlichkeiten jetzt den Namen Bälle. Die Behörden der Städte mußten sehr oft ´wüstes Schreien, schamlose Lieder und unzüchtige Gebärden´ beim Tanz verbieten, und auch für Sebastian Brant ist der Tanz nach seinem ´Narrenschiff´ nur ein Ausbund von Unzucht und Ausgelassenheit..."
Der Danziger Tanzlehrer Albert Czerwinski veröffentlicht 1879 sein "Brevier der Tanzkunst", erläutert die "Tänze bei den Kulturvölkern von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart" in sechs "Unterhaltungen" und hängt daran ein "Tanzrepertoire für kleinere und größere Gesellschaftskreise", als da sind: Contredanse, Les Lanciers, Le Prince impérial, Quadrille des dames und andere.
Rudolph von Laban (1879 Pressburg - 1858 Weybridge, Surrey) war Csárdástänzer, bevor er 1907 nach Paris ging und dort Kunst studierte. Während des Ersten Weltkrieges gründete er in Ascona eine Schule, die bald viele Anhänger der neuen Tanzkunst anzog. 1923 gründete Laban in Hamburg ein eigenes Kammertanztheater und 1927 in Berlin das Choreographische Institut. 1937 flüchtete er vor den Nazis nach Manchester. Laban bezeichnete das Ballett als historisch erstarrte Form und vermittelte den Tanz als Ausdruck seelischen Erlebens. Seine Bewegungsnotation ist heute unter dem Namen Labanotation bakannt.
Ein brillanter Musikschriftsteller und Kunstkritiker war Oskar Bie (1864 Breslau - 1938 Berlin). Er war Privatdozent für Kunstgeschichte, ab 1921 Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik und Herausgeber der "Neuen Rundschau".
Sein Werk "Der Tanz" (Berlin 1905) mit den filigranen graziösen Illustrationen von Karl Walser ist ein Standardwerk, das Generationen von Tänzern, Choreographen und Ballettmeistern als Lehrbuch diente. Wie die großen Kritiker Alfred Kerr, Egon Friedell und Alfred Polgar war auch Oskar Bie den Auswirkungen des Judenhasses ausgesetzt. Mit zynischen Abwertungen wie "jüdischer Intellektualismus" wurden sie auch darum so erbittert bekämpft, weil man ihnen intellektuell und stilistisch weit unterlegen war.


Mit Büchern gearbeitet

Bie, ein hochkultivierter Mann, Kunstkenner durch und durch, liefert eine umfassende Geschichte und Beschreibung des künstlerischen Tanzes, wobei er dem Volkstanz nur sehr herablassende Worte widmet: "Man verfängt sich in einem wirren gehäuften Material ethnologischer Merkwürdigkeiten, wenn man [...] in allen Dörfern und Schenken herumsucht, wie da gesprungen und geschleift wird. Philologische Naturen wie Böhme in seiner ´Geschichte des deutschen Tanzes´ mag es interessieren, alte Bauerntänze, den Drotter und Feyerltanz, den Zäuner und Firlefanz [...] zu sammeln und durch die Zeiten zu verfolgen, wie die Innungen in Bayern und die Landleute in der Pfalz gehopst sind. Für den Kunstliebhaber werden diese Dinge stark an Bedeutung zurücktreten ..."
Das nun konnten die junge, dem Folklore-Tanz zugeneigte Ballettmeisterin so nicht stehen lassen. Hier an den Rand mit Bleistift geschrieben: "Durchaus nicht!" Weitere Randnotizen ihrer schönen Handschrift weisen aus, mit diesem Buch hat sie gearbeitet.


Für Öffentlichkeit bestimmt

Gustav Fischer-Klamt verlangt im Kriegsjahr 1940 vom Tanz, "gestaltend und formend an den gewaltigen Geschehnissen teilzunehmen". ("Die großdeutsche Tanzidee" in: Der Tanz, Jg. 13 Heft 4). "Immer werden Zeiten mit gewaltigen völkischen Entscheidungen zugleich Bewährungsproben für den Tanz sein, weil Volk und Tanz kraft eines Gesetzes zutiefst miteinander verbunden sind [...]. Das ist das Gesetz des Blutes, der Rasse."
In Publikationen des Zentralhauses für Kulturarbeit Leipzig werden wir auch etwas für den "sozialistischen Folkloretanz" finden können.
Rosemarie Ehm-Schulz hat sich entschlossen, diese (bisher 9 laufende Meter umfassende) Ballettbibliothek der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Bücher sollen künftigen Tänzern, Choreographen, Ballett- und Volkstanzinteressierten zur Verfügung stehen. Und sie sollen hier "im Lande" bleiben. Das ist geschehen. Seit Ende Juni 2005 sind sie im Besitz der Musikabteilung der Landesbibliothek in Schwerin.


(Unsere Autorin Cornelia Nenz ist Direktorin des Fritz-Reuter-Literaturmuseums in Stavenhagen)

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