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Das Staatliche Folklore-Ensemble, das seit 1961 in Neustrelitz
seinen Sitz hatte, bereiste mit den schönen Inszenierungen seiner
Leiterin Rosemarie Ehm-Schulz die ganze Welt. Diese brachte stets
Bücher zum Thema Tanz von den Tourneen mit. Nun trennte sie sich
von ihrer in Jahrzehnten gewachsenen stattlichen Sammlung. In der
Musikabteilung der Landesbibliothek in Schwerin wird sie der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Von Cornelia Nenz
"... ich möchte Ihnen nur sagen, dass ich selten von einem
Volkstanz so begeistert war wie von dem "Stampftanz", ich
weiß nicht mehr genau, ob er so heißt, den Sie im
Friedrichstadt-Palast anlässlich des IV. Parteitages aufführten.
Ich hätte Ihnen das gern auch persönlich gesagt und habe einige
Versuche gemacht, nach Ihnen herumzutelefonieren. Ich würde mich
freuen, wenn Sie einmal nach Berlin kämen und sich dann bei mir
sehen ließen, damit ich Ihnen auch persönlich danken kann.
Mit den besten Grüßen für Sie und alle Mitwirkenden an dieser
großartigen Sache. Ihr Dr. h.c. Johannes R. Becher"
Statt Souveniers Bücher
Der "Stampftanz" hieß in Wirklichkeit
"Winteraustreiben" und war kein Volkstanz, sondern eine
temperamentvolle Choreografie mit Mitteln der Folklore von der
späteren Ballettdirektorin Rosemarie Ehm-Schulz.
Sie kam aus Weimar nach Berlin. Und der Minister für Kultur,
Johannes R. Becher, veranlasste sie, nach Neetzow, Kreis Anklam, zu
ziehen, um dort der Volkskunst eine Heimstatt zu schaffen.
Zu dieser Zeit war ich ein kleines Kind, und es geht die Sage, ich
habe eines Tages dem Minister den Zutritt zu unserer Wohnung im
Neetzower Schloss verwehrt, weil meine Mutti mittags schlafe.
Doch die Geschichte des Staatlichen Dorfensembles - kennt noch
jemand das Wort "Hühnerballett"? - nahm ihren
erfolgreichen Lauf.
Rosemarie Ehm-Schulz hat jahrzehntelang das Ballett geleitet, hat
Tänze, Suiten, Folkloreballette geschrieben und einstudiert, ein
Folklore-Exercise entwickelt, mit dem Generationen von
Folkloretänzern geschult und wohl gelegentlich gequält wurden.
Das Staatliche Folklore-Ensemble, das 1961 nach Neustrelitz umzog,
hat mit ihren schönen Inszenierungen die ganze Welt bereist, und
die Tournee-Geschichten, die Rosemarie Ehm-Schulz heute noch
pointiert zu erzählen weiß, sollten ein dickes Buch füllen. Das
ist bisher ungeschrieben.
Aber andere Bücher sind da: Literatur, die über Jahrzehnte von ihr
kenntnisreich zusammengetragen wurde. Keine Auslandstournee verging,
ohne dass sie dort Antiquariate aufgesucht hatte, während wir
anderen in der schmalen Freizeit die noch schmaleren Spesen in
Kosmetika oder andere wertvolle Mitbringsel umsetzten.
"Im Lande bleiben"
Bei einer Gastspielreise entdeckte sie in einem Budapester
Antiquariat drei hübsche Tanzbüchlein aus der Reihe des
Rembrandt-Verlages. Der Ladeninhaber war nicht bereit, ihr die
wertvollen Stücke zu verkaufen, sie sollten, meinte er "im
Lande" bleiben. Doch in der Nähe lag noch ein anderes Werk,
"Tanz der Völker" von Eberhard Rebling, Berlin 1972. Sie
schlug es auf: "Sehen Sie, da schreibt Rebling über meine
Choreografien, und hier, sehen Sie die Bilder!" Der Antiquar
verkaufte ihr die drei Büchlein. Sogar einen
Ballettliteratur-Vorlass aus Westdeutschland holte sie, Rentnerin
schon, allein mit dem unsagbar schweren Koffer im Bahnhof
Friedrichstraße bis zu der Linie, an der ihr Mann, der Intendant
Heinz-Andreas Ehm, auf sie warten durfte.
Die Ballettbibliothek von Rosemarie Ehm-Schulz ist eine Sammlung von
Standard-Werken, Periodika und Raritäten. Und sie ist auch ein
Spiegel der Zeit. Da erinnert Max von Boehn (Der Tanz, Berlin 1925)
daran, dass im Mittelalter ein Prediger sich ereiferte gegen jene
"Klötz, die tanzen also säuisch und unflätig, daß sie die
Weiber dermaßen [...] in die Höhe werfen, daß man ihnen hinten
und vornen hinaufsiehet bis in die Weich [...]" und glossiert
an anderer Stelle die deutschen Sport- und Militärfanatiker, die im
19. Jahrhundert merkten, "daß wir am Ende auch mehr brauchten
als Exerzieren, Stechschritt und Parademarsch, und dass es nicht
genug sei mit der Welle und dem Riesenschwung. Und die Frau? Sollte
Klavierspiel wirklich die einzige Muskelübung sein, die ihr
gestattet war?"
Eine Jugendstil-Broschüre "Der Tanz" von Dr. Karl Storck,
1903, erzählt von der Kulturgeschichte des Tanzes, von
Reigentänzen, von religiösen und weltlichen Tänzen, bringt
schöne Tanzdarstellungen auf Gemälden, auf Häuserwänden. Wer
kennt nicht das "Tanzende Bauernpaar" von Albrecht Dürer?
Gegensätzliche Sichten
Zur Fassadenmalerei des Hauses "Zum Tanz" in Basel
schreibt der Autor, sich der Tanztradition der Städte zuwendend,
dass man das "kräftige Bürger- und Handwerkerblut doch nicht
zu verleugnen" vermochte, "und während man in Sälen und
Zimmern in ruhiger Haltung und gemessenen Bewegungen tanzte, bestand
der Reigen im Freien aus so lebhaften Sprüngen, daß man nach den
Berichten der Zeitgenossen dabei Gefahr lief, Hut und Rock zu
verlieren. Von der Gewohnheit, Ball-, Kugel- und andere Spiele in
die Tänze einzumischen, erhielten die größeren Tanzfestlichkeiten
jetzt den Namen Bälle. Die Behörden der Städte mußten sehr oft
´wüstes Schreien, schamlose Lieder und unzüchtige Gebärden´
beim Tanz verbieten, und auch für Sebastian Brant ist der Tanz nach
seinem ´Narrenschiff´ nur ein Ausbund von Unzucht und
Ausgelassenheit..."
Der Danziger Tanzlehrer Albert Czerwinski veröffentlicht 1879 sein
"Brevier der Tanzkunst", erläutert die "Tänze bei
den Kulturvölkern von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart" in
sechs "Unterhaltungen" und hängt daran ein
"Tanzrepertoire für kleinere und größere
Gesellschaftskreise", als da sind: Contredanse, Les Lanciers,
Le Prince impérial, Quadrille des dames und andere.
Rudolph von Laban (1879 Pressburg - 1858 Weybridge, Surrey) war
Csárdástänzer, bevor er 1907 nach Paris ging und dort Kunst
studierte. Während des Ersten Weltkrieges gründete er in Ascona
eine Schule, die bald viele Anhänger der neuen Tanzkunst anzog.
1923 gründete Laban in Hamburg ein eigenes Kammertanztheater und
1927 in Berlin das Choreographische Institut. 1937 flüchtete er vor
den Nazis nach Manchester. Laban bezeichnete das Ballett als
historisch erstarrte Form und vermittelte den Tanz als Ausdruck
seelischen Erlebens. Seine Bewegungsnotation ist heute unter dem
Namen Labanotation bakannt.
Ein brillanter Musikschriftsteller und Kunstkritiker war Oskar Bie
(1864 Breslau - 1938 Berlin). Er war Privatdozent für
Kunstgeschichte, ab 1921 Lehrer an der Berliner Hochschule für
Musik und Herausgeber der "Neuen Rundschau".
Sein Werk "Der Tanz" (Berlin 1905) mit den filigranen
graziösen Illustrationen von Karl Walser ist ein Standardwerk, das
Generationen von Tänzern, Choreographen und Ballettmeistern als
Lehrbuch diente. Wie die großen Kritiker Alfred Kerr, Egon Friedell
und Alfred Polgar war auch Oskar Bie den Auswirkungen des
Judenhasses ausgesetzt. Mit zynischen Abwertungen wie
"jüdischer Intellektualismus" wurden sie auch darum so
erbittert bekämpft, weil man ihnen intellektuell und stilistisch
weit unterlegen war.
Mit Büchern gearbeitet
Bie, ein hochkultivierter Mann, Kunstkenner durch und durch,
liefert eine umfassende Geschichte und Beschreibung des
künstlerischen Tanzes, wobei er dem Volkstanz nur sehr
herablassende Worte widmet: "Man verfängt sich in einem wirren
gehäuften Material ethnologischer Merkwürdigkeiten, wenn man [...]
in allen Dörfern und Schenken herumsucht, wie da gesprungen und
geschleift wird. Philologische Naturen wie Böhme in seiner
´Geschichte des deutschen Tanzes´ mag es interessieren, alte
Bauerntänze, den Drotter und Feyerltanz, den Zäuner und Firlefanz
[...] zu sammeln und durch die Zeiten zu verfolgen, wie die Innungen
in Bayern und die Landleute in der Pfalz gehopst sind. Für den
Kunstliebhaber werden diese Dinge stark an Bedeutung zurücktreten
..."
Das nun konnten die junge, dem Folklore-Tanz zugeneigte
Ballettmeisterin so nicht stehen lassen. Hier an den Rand mit
Bleistift geschrieben: "Durchaus nicht!" Weitere
Randnotizen ihrer schönen Handschrift weisen aus, mit diesem Buch
hat sie gearbeitet.
Für Öffentlichkeit bestimmt
Gustav Fischer-Klamt verlangt im Kriegsjahr 1940 vom Tanz,
"gestaltend und formend an den gewaltigen Geschehnissen
teilzunehmen". ("Die großdeutsche Tanzidee" in: Der
Tanz, Jg. 13 Heft 4). "Immer werden Zeiten mit gewaltigen
völkischen Entscheidungen zugleich Bewährungsproben für den Tanz
sein, weil Volk und Tanz kraft eines Gesetzes zutiefst miteinander
verbunden sind [...]. Das ist das Gesetz des Blutes, der
Rasse."
In Publikationen des Zentralhauses für Kulturarbeit Leipzig werden
wir auch etwas für den "sozialistischen Folkloretanz"
finden können.
Rosemarie Ehm-Schulz hat sich entschlossen, diese (bisher 9 laufende
Meter umfassende) Ballettbibliothek der Öffentlichkeit zu
übergeben. Die Bücher sollen künftigen Tänzern, Choreographen,
Ballett- und Volkstanzinteressierten zur Verfügung stehen. Und sie
sollen hier "im Lande" bleiben. Das ist geschehen. Seit
Ende Juni 2005 sind sie im Besitz der Musikabteilung der
Landesbibliothek in Schwerin.
(Unsere Autorin Cornelia Nenz ist Direktorin des
Fritz-Reuter-Literaturmuseums in Stavenhagen)
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