Lieder ohne Ende
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Das erste, das dem Bücherzar von M-V spontan einfällt, ist ein Lied aus seiner Schulzeit. Wegener singt es leise vor sich hin: "Wo die grünen Wiesen liegen weit und breit, wo die Ähren wogen in der Erntezeit ..." Er blickt versonnen über die Platte seines Gründerzeit-Schreibtischs. "Das haben wir immer gesungen, als ich hier in Mecklenburg zur Schule ging. In Wittenburg war das." Dann legt sich seine Stirn in Falten. "Na klar. Martha Müller-Grählert." Die in Barth geborene Journalistin (1876 - 1939) dichtete um 1905 in Berlin aus Heimweh die wohl bekannteste norddeutsche Hymne: "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand / Wo de gele Ginster bleugt in´n Dünensand, Wo de Möwen schriegen grell in´t Stormgebrus, Da bün ick to Hus." In abgewandelter Form wird das Lied sogar als "Friesenlied" gesungen: "Wo die Nordseewellen ...", stimmt Wegener an. Er schüttelt den Kopf. "Haben die uns einfach geklaut." Dann wird der Bibliothekar im Computer fündig. Hermann Mielenz hieß ein Schweriner, der 1930 ein dickes Buch über die Landeshymnen seit dem 19. Jahrhundert verfasste. "Es wurde nie fertig", so Wegener. "Das Manuskript liegt hier bei uns." Es ist ein dicker Wälzer, mit vielen Zetteln, handschriftlichen Notizen. Dort findet sich beispielsweise die Hymne von Mecklenburg-Schwerin: "Gott segne Friedrich Franz und seiner Krone Glanz trübe sich nie ..." Gedichtet von Gottlieb Georg Hemrich (1768 - 1817). Das war dem englischen "God save the King nachempfunden." Mielenz nahm auch die bekannte Polka "Wenn hier ein Pott mit Bohnen steiht un dor en Pott mit Brie ..." in seine Sammlung auf. Er bezeichnet sie als "mecklenburgischen Nationaltanz". Selbst in der Oper wurde das Land besungen, wie Wegener stolz betont. 1840 komponierte der Schweriner Hofmusiker Philipp Lappe (1802 - 1871) ein "Vaterlandslied" für seine Oper "Die Obotriten". Der Text stammte von Hoflehrer Christian Dehn (1806 - 1852) und ist eine Ode auf das Fürstenhaus: "O Vaterland, du teures, sei gepriesen / wo ist das Volk, das deinem Volke gleicht! Ein groß Geschlecht seh ich dem Paar entsprießen ..." Von Hofkapellmeister Fritz Becker (1839 - 1903) stammt "Mein Mecklenburg". "Mein Mecklenburg, wie bist du schön / Mit deinen Wäldern, Thälern, Höhn - mit deinem blauen Ostseestrand, Mein Mecklenburg, mein Heimatland ..." Selbst der berühmte Komponist Friedrich von Flotow (1812 - 83), seinerzeit Hoftheater-Intendant in Schwerin, ließ es sich 1857 nicht nehmen, seine Heimat zu besingen. In die zweimal aufgeführte, aber nie gedruckte Oper "Johann Albrecht" baute er den plattdeutschen Chorgesang "Dat Mecklenbörger Land" ein. Und zeigte Humor: "In Dütschland an den Ostseestrand / Dor liegt en gar so schönes Land; Dat liegt wat afsiet, dat is so, dor kümmt nich jederen up to." Und Vorpommern? Der Greifswalder Theologe und Autor Norbert Buske (68) befasst sich schon seit langem mit der Landesgeschichte. Dazu gehört auch das "Pommernlied", das Adolf Pompe 1852 nach einer Melodie von Karl Gross schrieb: "Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn, bringen frohe Kunde Geister ungesehn, reden von dem Lande meiner Heimat mir, Hellem Meeresstrande Düsterm Waldrevier." Buske weiß als gebürtiger Vorpommer, dass Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes, 1845 über Mecklenburg ein Spottlied dichtete. Titel: "Old Mecklenburg for ever!" 1850 wurde die Mecklenburg-Schweriner Verfassung für ungültig erklärt. "Der Großherzog hatte das Land beim Bundesgericht verklagt." Die Verfassung wurde gekippt. Und die Bürger sangen Fallerslebens Verse: "Wir Mecklenburger sind nur Herrn und Knechte, nichts als die Luft ist uns gemein, gleich sollten die Pflichten und die Rechte, wir sollten freie Bürger sein!" Dann folgt der Refrain: Dat ginge wol Alles, doch geht es man nich, dat litt ja de Ridderschaft nich." Humorvolles weiß auch Wegener aus dem Regal zu kramen. "Das Volkslied vom Herrn Pastor und seiner Kuh hat ja auch einen Bezug zu Mecklenburg." In Strophe 15 heißt es: Sleswig-Holstein meerumslungen, hannelt nu mit Ossentungen". Strophe 16 aber kennen die wenigsten: "Dei Meckelbörger lee´t nich slap´n, nehm´n den Kopp in´t Landeswappen." Auch nach der Wende gab es Versuche, eine neue Hymne zu etablieren. Radiosender und Festveranstalter belebten das Thema immer wieder neu. Warum hat es eigentlich nie geklappt? Dr. Lutz Winkler, Musikwissenschaftler an der Uni Greifswald: "Die meisten Versuche waren dilettantisch. Ich habe das Thema mit Studenten diskutiert. Die meisten standen einer Hymne ablehnend gegenüber, konnten sich nicht damit indentifizieren. Vielleicht passt so etwas einfach nicht mehr in unsere Zeit." |