Ein Bestseller des Mittelalters

Wissenschaftler untersucht "Parzival"-Handschrift in der Schweriner Landesbibliothek
(Schweriner Volkszeitung, 06.04.2004)

Schwerin ddp

Der Lesesaal der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin hat in diesen Tagen einen direkten "Zugang" zum Mittelalter. Hier wird eine etwa 600 Jahre alte Handschrift des Versromans "Parzival" unter die Lupe genommen. Der österreichische Altgermanist Robert Schöller untersucht im Auftrag des Baseler Parzival-Projekts Schriftstücke, die normalerweise kaum jemand zu Gesicht bekommt. Ziel ist die Herausgabe einer digitalisierten Edition des berühmten Erzählwerks mit allen seinen Varianten und Veränderungen, die es über die Jahrhunderte erfahren hat.

Das Epos "Parzival" stammt aus der Feder von Wolfram von Eschenbach, dem schreibenden Ritter und neben Walther von der Vogelweide wichtigsten deutschen Literaten des Mittelalters. Das Buch war eines der meistkopierten Werke des Mittelalters und wäre nach heutigen Maßstäben ein Bestseller, wie Schöller betont. Bekannt sind heute 16 fast vollständig erhaltene Handschriften und ein Druck. Sie alle werden für das "Parzival"-Projekt untersucht. Nachdem man sich zunächst von allen Bibliotheken Kopien der Handschriften hatte schicken lassen, müssen jetzt vor Ort die Originale eingesehen und auf mögliche Textabweichungen oder Korrekturen untersucht werden.

Die Schweriner Handschrift zählt nicht gerade zu den reich verzierten Prunkstücken. Das Exemplar sei eher zum Lesen und Vorlesen gedacht gewesen, sagt Schöller. Die ursprüngliche Herkunft des Schweriner Exemplars ist unbekannt. Die Handschrift wurde 1834 im Geheimen Haupt- und Staatsarchiv "gefunden" und gelangte später in die Großherzogliche Regierungsbibliothek.

Das etwa 200 Blatt umfassende Dokument wurde vermutlich in den Jahren 1435 bis 1440 von zwei Schreibern in mitteldeutscher Mundart angefertigt. In der typischen Schrift des 15. Jahrhunderts wurde sehr sorgfältig und korrekt gearbeitet. Dass der überlieferte Text dennoch häufig fehlerhaft sei, habe damit zu tun, dass einzelne Wörter und Wendungen des "Parzival" im 15. Jahrhundert einfach nicht mehr geläufig waren, erläutert Schöller.

Bei den Abschriften hätten sich manche Überlieferer mitunter einfach verschrieben und ihre Fehler nur teilweise korrigiert, sagt der Experte. Andere Kopisten hätten den Ursprungstext zusätzlich nach eigenen Vorstellungen "verbessert". Es sind gerade die Abweichungen und Varianten dieser "denkenden Schreiber" und die im wahrsten Sinne des Wortes unterschiedlichen Handschriften, die die Forscher interessieren.

Eine erste vergleichende Studie von zunächst zwei Varianten des Meisterwerks wird voraussichtlich im Sommer 2005 vorliegen.


Stichwort

Parzival - ein Heldenepos

Der zwischen 1200 und 1210 entstandene "Parzival" von Wolfram von Eschenbach gehört zu den bedeutendsten Erzähltexten des europäischen Mittelalters. Das fast 25 000 Verse umfassende Epos verbindet den keltischen Artusstoff mit der Thematik des Heiligen Grals. Die zentrale Frage des Werkes, wie eine von Widersprüchen und Gegensätzen zerrissene Welt wieder geheilt werden kann, machte es bis in die Gegenwart zu einer aktuellen Schrift. Der "Parzival" hat zahlreiche Überlieferungen, Interpretationen und Nachdichtungen erfahren. Allein aus dem Mittelalter sind 16 fast vollständig überlieferte Handschriften und ein Druck aus dem Jahre 1477 sowie 68 Fragmente erhalten. Sie befinden sich unter anderem in Bibliotheken in Wien, Heidelberg, Dresden, München, Rom und Bern.

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